Freimachen am 1. Mai im Leipziger Westen

Anbei ist der Aufruf des Bündnis Freiräume dokumentiert. Diese beschäftigen sich mit Freiräumen und Stadtteilumwandlungen und wollen am 1. Mai im Westen von Leipzig einige Aktivitäten im Rahmen der Sterndemonstration „…und leben?!“ durchführen. Treffpunkt der Gruppe ist: 12 Uhr Gutsmuthstr. 47: Freimachen, Beginn mit Frühstück, anschließend Aktionen und Demonstration.

FREIMACHEN…und Leben?!

Freiräume aller Länder vereinigt Euch!

Der 1. Mai ist auch ein Tag der Freiräume. Deswegen gestalten wir mit euch einen Teil der Sterndemonstration in Leipzig zu diesem Thema. Startpunkt ist der Leipziger Westen, wo seit 2-3 Jahren zahlreiche Projekte und Orte entstanden sind, die in unseren Augen „freieren“ Raum bieten.

Was ist ein Freiraum?

Ein Freiraum ist kein Schema F, welches es nach Plan nur möglichst überall zu verwirklichen gilt. Viel mehr geht es um einen Ort, an dem Menschen ihr Umfeld nach eigenen Vorstellungen gestalten. Einen Raum, in welchem Menschen den Platz haben, ihre Wünsche, Hoffnungen und Visionen umzusetzen. Dies kann manchmal auch bedeuten, einfach nur einen Ort haben zu wollen, an dem alltäglich erfahrene gesellschaftliche Zwänge keine so große Rolle spielen und mensch den Raum hat, Luft zu holen. Aber auch um Kraft zu tanken, sowie Rückhalt und Inspiration für die Gestaltung des eigenen Lebens zu finden. In diesem Sinn sind Freiräume nicht zuletzt Schutzräume. Doch können Freiräume mehr sein. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als Leuten Möglichkeiten zu bieten, ihr Leben selbstbewusst zu gestalten. Beispiele hierfür sind nicht-kommerzielle Nachbarschaftscafés, die Vokü um die Ecke, Wohnprojekte, Bauspielplätze, Kunsträume, alternative Betriebe (Vleischerei, Umsonstladen) und selbstorganisierte Medien (Radio Blau, Westfernsehen) oder auch Orte emanzipatorischer Politik und Bildung (Gieszer 16).

Im Westen was neues?

Die Möglichkeit für die Schaffung von Freiräumen ist mit dem Angebot an verfügbarem Raum im Stadtteil und entsprechend auch mit dessen Entwicklung eng verknüpft. Im Westen Leipzigs ist es immer noch vergleichsweise leicht, Räumlichkeiten für einen Freiraum zu bekommen. Das momentane Angebot an günstigen Räumlichkeiten wird sich jedoch schon in den nächsten Jahren wandeln. In Zentrum West und Schleußig ist der Prozess der Sanierung und die damit einhergehenden Aufwertung nahezu abgeschlossen. Für künftige Gruppen wird es schwerer werden in diesen Vierteln brauchbare Häuser und Grundstücke für ihre Projekte zu bekommen. Trotzdem hat Leipzig immer noch eine herausragende Sonderstellung auf Grund des hohen Leerstands. So stehen in der Georg Schwarz Straße noch bis heute ganze Häuserreihen leer. In Zukunft wird aber auch in Lindenau und Plagwitz die Anzahl an günstigen, halbwegs intakten Häusern abnehmen. Ein Grund dafür ist der Zerfall der in die Jahre gekommenen, schon lange leer stehenden Häuser. Diese können oft nur mit einem sehr hohen finanziellen Aufwand gerettet werden. Verschiedene Interessengruppen geraten hier langsam in Wettstreit um die attraktiven der noch verbliebenen Objekte. Finanzkräftige Investoren kaufen teilweise größere Gebäudekomplexe oder mehrere Häuserblocks am Stück. Manche dieser größeren Investoren sanieren selbige in den kommenden Jahren entsprechend herkömmlicher Vorstellungen vom Wohnen. Andere lassen ihre Häuser brachliegen und warten noch ein paar Jahre auf das Ansteigen der Miet- und Grundstückspreise, um erst dann zu vermieten bzw. zu verkaufen. Unbewohntes Warten ist jedoch oft das Ende für viele der alten Häuser, da sie damit dem Verfall preisgegeben werden.

Parallel dazu entstehen viele Freiraumprojekte. Aufbauend auf den wenigen Pionierprojekten der ausgehenden 90′ er Jahre sind momentan über ein gutes Dutzend Gruppen damit beschäftigt, ihre Vorstellungen von emanzipatorischem zusammen Wohnen, Arbeiten und Leben zu verwirklichen. Andere wollen es ihnen gleich tun. Alle verbindet der Zwang, noch ein möglichst günstiges Objekt zu finden, da sie sich mit ihren meist spärlichen finanziellen Kapazitäten nicht all zu viel an Sanierung leisten können. Teilweise künstlich hoch gehaltene Grundstückspreise erschweren die Situation. Modelle zeitlich begrenzter Nutzung wie die Wächterhäuser machen die Stadtteile attraktiver für Wohnungssuchende und Investoren. Menschen die ein Freiraumprojekt gestalten wollen können diese zum Teil in Wächterhäusern realisieren. Mit diesen Modellen können Freiräume aber meist nicht langfristig gesichert werden. Wenn die Projekte in ein paar Jahren nicht wieder in anderen, momentan unattraktiven Stadtteilen von vorne anfangen wollen, müssen sie andere Strategien entwickeln.

Stadtpolitik

In der Politik der Stadt spiegeln sich unterschiedliche Interessenlagen wieder. Zum Einen gibt es ein Interesse an der „Entwicklung“, sprich der Sanierung der Häuser. Da große Investoren in diesem Bereich tonangebend sind, wird ihnen auch bei der Frage nach der Gestaltung der Stadtteile viel Gehör geschenkt. Dabei spielen die Interessen von Investoren oft eine größere Rolle als die Bedürfnisse der Anwohnenden. Das lässt sich aktuell am Lindenauer Markt gut nachvollziehen. Dort soll trotz gegenteiliger Bedürfnislage vieler momentaner Anwohnenden ein relativ groß dimensionierter Einkaufsmarkt gebaut werden. Seitens der Stadt werden für den Investor potentielle Hindernisse beschönigt oder schlicht ignoriert, wie z.B. die Bewältigung des künftig steigenden Verkehrsaufkommens. Das gestalterische Wirken alternativer oder gar explizit linker Gruppen genießt kein solches Entgegenkommen seitens der Stadt. Projekten wie der Gieszerstraße 16 wurden beim Kauf Stolpersteine seitens der Verwaltung in den Weg gelegt. Einige kulturelle Vereine im Westen haben als Reaktion auf eine Welle der verwaltungsrechtlichen Repression gegen ihre kleineren, kulturellen Veranstaltungsorte die „IG Kultur West“ gegründet. Damit erhoffen sie sich mehr Einfluss gegenüber der parteipolitischen Stadtpolitik. Doch vertritt die IG nur die Belange von etablierten Vereinen, welche an einer „legalen Ausübung von kulturellen Veranstaltungen“ interessiert sind. Dieses Engagement kommt jedoch nicht anderen jungen Kulturschaffenden zu Gute, die außerhalb des rechtlichen Rahmens agieren. Die IG Kultur West fordert zwar ein anderes Verständnis von Kultur und damit einhergehend eine verstärkte staatliche Förderung kleinerer kultureller Initiativen. Doch nicht einmal diesen Forderungen kommt die Stadt bisher nach. Hier zeigt sich der Widerspruch zwischen einer Stadtpolitik, welche nach außen mit einer „freien“ Kulturszene in Leipzig wirbt, aber in der eigenen Praxis anders handelt.

Von Gegenstrategien und dem was kommen könnte

Aber was tun? Eine erste Grundlage ist wohl die Aufklärung. Das heißt die Prozesse aufzuzeigen, welche auf einen Stadtteil wirken. Das heißt zunächst, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass wir zwischen den eigenen Bedürfnisse und fremden Interessengeflechten wirken. Wir unterliegen diesem Einfluss, können aber auch Einfluss ausüben. Dies geschieht allein durch unsere Präsenz im Stadtteil und darüber hinaus durch unser Wirken in den Stadtteil hinein. Wir müssen uns zunächst die Frage stellen, wie wir leben wollen. Praktisch verändern wir die Situation in den Stadtteilen, nicht zuletzt indem wir uns die Räume sichern, die wir brauchen. Dies kann, muss aber nicht legal geschehen. Im Leipziger Westen können momentan noch relativ günstig Objekte gekauft und gepachtet werden. In anderen Stadtteilen wie Connewitz ist dies aktuell schon schwieriger. Objekte vorerst dem Markt zu entziehen bedeutet, dass sie nicht mehr direkt dessen Gesetzen unterliegen. Wer über welchen Raum in einer Stadt wie verfügen kann ist aber immer auch eine politische Aushandlung. Deswegen sind Freiräume abhängig von einem sie solidarisch unterstützenden Umfeld. Denn so manche widrigen Umständen bis hin zu offenen Repressalien können leichter mit Hilfe von Anderen abgefangen, unterwandert oder ausgetrickst werden. Gesicherte Freiräume könnten ein Grundstein sein, künftigen Verdrängungsprozessen besser entgegen wirken zu können. Verdrängungsprozesse die in Berlin und Hamburg schon jetzt Freiräume und Anwohnende verschiedener Stadtteile schädigen.

Unsere Zukunft hängt also von uns, unseren Ideen und Projekten ab. Gleichzeitig müssen wir ihr Zusammenwirken mit den alteingesessen Anwohnenden kritisch reflektieren. Uns ist wichtig, einen Rahmen für die individuellen sowie lokalen Entwicklungen zu schaffen, in dem sich Projekte und Menschen frei entfalten können. So dass auch in Zukunft nach Freiräumen strebende Menschen diese hier verwirklichen können.

Am 1. Mai machen wir mittels verschiedener Stationen auf Räume aufmerksam und es besteht die Möglichkeit sich Räume an zu eignen. Wir treffen uns dafür um 12 Uhr an der Karl-Heine-Straße Ecke Gutsmuthsstrasse zu einem gemeinsamen Frühstück.