Hintergrund
Zur Gründung des ANLW kam es im Rahmen der Proteste gegen das seit November 2008 in der Odermannstraße 8 (Leipzig-Lindenau) ansässige, als „NPD-Bürgerbüro“ deklarierte Nazizentrum.
Schon kurz nach der Eröffnung des Zentrums ereignete sich eine Reihe von gewalttätigen Übergriffen in der unmittelbaren Nachbarschaft.
Auch wenn es bereits zuvor zu derartigen Zwischenfällen gekommen war, hat sich die Situation nun dergestalt verschärft, dass mit dem „Nationalen Zentrum“ ein fester Veranstaltungsort im Leipziger Stadtgebiet etabliert wird, der nicht nur Treffpunkt lokaler Nazis ist, sondern darüber hinaus ein überregionales Einzugsgebiet hat. Das bedeutet, dass das Zentrum zum einen als Rückzugsraum, zum anderen als Kontaktmöglichkeit und Vernetzungsinstrument dient. Bestehende Strukturen können so nicht nur gefestigt sondern auch erweitert werden.
Es steht zu befürchten, dass das „Nationale Zentrum“ eine Vorbildfunktion übernimmt, ist es doch der erste offizielle Veranstaltungsort der NPD und der ihr nahe stehenden (sich selbst so nennenden) „Freien Kräfte“ in Leipzig. Somit kann es als Basis für die weitere Etablierung dieser Gruppierungen und ihrer diskriminierenden, rassistischen, nationalistischen, revisionistischen und antisemitischen Ideologie dienen. Mit gestärktem Selbstbewusstsein streben sie einen „Normalzustand“ an, in dem Neonazis als gesellschaftliche Akteure akzeptiert werden.
Die Eröffnung eines „Nationalen Zentrums“ ist also weniger Anfangspunkt denn ein fortgeschrittenes Stadium von Naziaktivitäten, erfordert sie doch einen hohen Grad an Organisiertheit. Die Gefahr, die von solchen faschistischen bzw. national-sozialistischen Strukturen ausgeht, wird deshalb gerade hier offensichtlich, weil sie nun verortbarer ist. Doch die Bedrohung von Rechts ist dennoch nicht an einem konkreten Ort festzumachen.

Organisation
Das Netzwerk ist eine offene Struktur und basiert auf der Zusammenarbeit von Einzelpersonen, Gruppen und Initiativen. Jede/r Beteiligte bringt seine/ihre politische Haltung, Erfahrungen und Ideen eigenverantwortlich in die Netzwerkarbeit mit ein und bestimmt so deren Charakter. Dies schafft eine flexible Struktur, die jederzeit offen ist für neue Beiträge. Ziel der Zusammenarbeit ist das effektive Zusammenwirken unterschiedlicher Aktionsformen. Über die Aktionen als solche und ihre Form entscheidet das Netzwerk basisdemokratisch.

Praxis
Auch wenn ein Schwerpunkt der Netzwerkarbeit sicherlich in Aktionen gegen das Parteizentrum in der Odermannstraße besteht, so kann antifaschistische Arbeit nicht allein auf konkreter, lokaler Ebene wirksam werden, sondern muss sich immer auch auf weitere gesellschaftliche Zusammenhänge beziehen.
Antifaschistische Praxis im Rahmen des Netzwerks orientiert sich an der Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen, die reaktionäre, diskriminierende und menschenverachtende Tendenzen bergen, und die Naziideologien eine Grundlage bieten.
Unser Anliegen ist es, darauf aufmerksam zu machen und aktiv Stellung zu beziehen.
Ein weiterer wichtiger Ansatz ist, denjenigen Solidarität und Hilfe zu bieten, die durch Naziaktivitäten bedroht sind oder bereits Übergriffen ausgesetzt waren. In der praktischen Netzwerkarbeit wird die Kooperation mit anderen Gruppen, Strukturen und Einzelpersonen für die Umsetzung konkreter Projekte angestrebt. Das ANLW möchte Potential für antifaschistische Arbeit bündeln, dabei vom Leipziger Westen ausgehen, sich aber nicht darauf beschränken. Denn auch Nazistrukturen und -ideologien sind vielerorts präsent. Das kann nicht geduldet werden.

Antifaschistisches Netzwerk Leipzig-West (April 2009)